Olha Stepanian 10.12.2026 – 06.03.2027

Traum, Paradox und die Poesie des Alltäglichen

Auf den ersten Blick entführen Olha Stepanians surreale Schwarz-Weiß-Bilder den Betrachter in eine vertraute Atmosphäre, die eine Sprache spricht, die wir bereits intuitiv verstehen, und sich als vages Déjà-vu-Gefühl einnistet: René Magrittes Mann mit Melone tanzt Walzer mit einem Akt von Helmut Newton; die geschmeidigen Linien nackter Körper spiegeln die Rundungen alltäglicher Gegenstände wider; High Heels folgen Leitern; Spiegel reflektieren Fische und Fleisch. Die Elemente fügen sich zu unerwarteten, verspielten Kompositionen zusammen, von denen jede feierlich für etwas steht, das über sich selbst hinausgeht. Ähnlich wie der verblassende Nachgeschmack eines kürzlich geträumten Traums – so lebhaft und doch so widerstandsfähig gegenüber unseren Interpretationsversuchen – bietet Olha Stepanians Bildsprache nur Andeutungen, Hinweise und niemals Erklärungen. Doch die Aussage mag bereits da sein, schwebend in diesem Déjà-vu-Schaum des Tagtraums, in einer Welt, in der gängige Regeln keine Gültigkeit mehr haben. Ihr Reich ist geprägt von Fantasie, Paradox und Humor, in dem die Form jeden Inhalt willkommen heißt und das Alltägliche mit dem Symbolischen koexistiert, wodurch eine faszinierende persönliche Mythologie entsteht.
Die Bezüge zum frühen Surrealismus, die Stepanians Werk durchziehen, sind kein Zufall. In Anlehnung an Magrittes beunruhigende Gegenüberstellungen oder Giorgio de Chiricos verzerrte Perspektiven spricht ihre Kunst nicht nur von den persönlichen kreativen Entscheidungen der Fotografin, sondern reagiert auch auf die Gegenwart.
Und diese Rückkehr zum Vokabular des Surrealismus – heute, fast ein Jahrhundert später – erscheint seltsamerweise gerade jetzt aktuell. In einer Zeit, die von einer Vielzahl von Krisen, instabilen Wahrheiten und einer ständigen Aushöhlung der gemeinsamen Realität geprägt ist, greift dieser ukrainische Künstler den Surrealismus wieder auf, um das Offensichtliche in Frage zu stellen und sich ihm zu widersetzen. In unserer übersättigten visuellen Umgebung, in der Bilder aggressiv um Aufmerksamkeit konkurrieren und Bedeutung unerbittlich ausgeschrieben wird (um schließlich verloren zu gehen), wird die Sehnsucht nach dem ästhetisch Ausgewogenen, sorgfältig Konstruierten und schlicht Schönen verständlich und findet über Kulturen und Grenzen hinweg Resonanz.
Auch wenn Fotografien an sich keinen offenen Widerstand bekunden, so verkörpern sie ihn doch. Geometrische Präzision, sorgfältig inszenierte Paradoxien, die Eleganz der Kompositionen oder die spielerische Ironie visueller Witze lassen sich allesamt als Antworten auf eine chaotische, ungerechte und aggressive Realität lesen. In diesem Sinne konstruiert Stepanians Werk eine parallele Welt der Metaphysik – eine Welt, die definitiv nicht unmöglich ist. Und man muss sie nicht vollständig annehmen. Ein hochgezogener Augenbrauenbogen, ein halbes Lächeln oder ein Ausruf der Überraschung mögen bereits ausreichen. Wenn Olga über ihren Bildband spricht, der 15 Jahre fotografisches Schaffen zusammenfasst, vergleicht sie ihn mit einem Tagebuch. Diese Metapher aufgreifend, würde ich ihn als Tagebuch der Träume bezeichnen – eine metaphysische Dokumentation der Welt, die nach den Gesetzen der Schönheit und des Paradoxons existiert.

Olga Bubich

 

At first glance, Olha Stepanian’s surreal black-and-white images invite the viewer into a familiar atmosphere speaking thelanguage we already intuitively understand and settling in as a vague sense of déjà vu: René Magritte’s man in a bowler hat waltzes with a Helmut Newton nude; the smooth lines of naked bodies echo the curves of ordinary objects; high heels follow ladders; mirrors reflect fish and flesh. The elements come together in unexpected, playful compositions, each solemnly standing for something beyond itself. Much like the fadingaftertaste of a recent dream – so vivid but still so resistant to our attempts to interpret it –  Olha Stepanian’s visual language offers only hints, suggestions and never explanations. But the statement may already be there, floating in this déjà vu froth on the daydream, in a world where common rules no longer apply. Hers is a realm of fantasy, paradox, and humor, where form welcomes any content and the everyday coexists with the symbolic, giving rise to an intriguing personal mythology.

The references to early surrealism that permeate Stepanian’s work are not accidental. Echoing Magritte’s unsettling juxtapositions or Giorgio de Chirico’s distorted perspectives, besides speaking about the photographer’s personal creative choices, her art responds to the present moment. And this return to surrealist vocabulary – today, nearly a century later – weirdly feels timely. In an era shaped by polycrisis, unstable truths, and a constant erosion of shared reality, this Ukrainian artist revisits surrealism as a way to question the obvious and disobey it. In our oversaturated visual environment where images compete aggressively for attention and meaning is relentlessly spelled out(eventually getting lost), the longing for the aesthetically balanced, meticulously built, and simply beautiful becomes understandable and resonates across cultures and borders.

While photographs themselves do not declare open resistance, they nevertheless perform it. Geometrical precision, carefully staged paradoxes, the elegance of compositions or the playful irony of visual jokes can all be read as responses to a chaotic, unjust, and aggressive reality. In this sense, Stepanian’s work constructs a parallel word of metaphysics – the world that is definitely not impossible. And one does not need to fully embrace it. A raised eyebrow, a half-smile, or an exclamation of surprise may already be enough. When talking about her photobook that summarizes 15 years of photographic practice, Olga compares it with a diary. Picking this metaphor up, I would call it the diary of dreams – metaphysical documentation of the world that exists according to the laws of beauty and paradox.

Olga Bubich

 

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